
Das digitale Flachwasser: Wenn Lesen zur bloßen Datenaufnahme wird
Sei mal ehrlich: Wann hast du das letzte Mal einen längeren Text im Internet komplett und voll konzentriert durchgelesen? Dich auf Inhalte eingelassen und nicht nur alles grob überflogen? Im Laufe der Zeit wurde unser Gehirn darauf konditioniert, nur noch nach Schlagworten und schnellen Informationen zu scannen. Wir lesen eine Zwischenüberschrift und schätzen ein, ob im folgenden Absatz etwas Interessantes dabei sein könnte. Ist dies nicht der Fall, springen wir weiter.
Wir gaukeln uns dabei selbst vor, dass wir dazu in der Lage wären, Informationen so schnell und effizient aufzunehmen, dass innerhalb kürzester Zeit Bescheid wissen. Was gar nicht so falsch ist. Die Frage ist nur, ob wir das Gelesene auch verstanden haben. Bescheid zu wissen alleine reicht oftmals nicht aus. Man könnte auch sagen, dass wir beim Surfen durch die Seiten im Netz über einen Ozean gleiten. Wir springen über Wellen hinweg, tauchen aber nie in die Tiefen ein. Wir kratzen nur an der Oberfläche.
Sobald ein Absatz etwas länger wird, beginnen wir unruhig zu werden und langweilen uns. Wir sehen die nächste Pointe herbei und halten die Langeweile nur schwer aus. Das alles hat zur Folge, dass wir zwar jede Menge Inhalt konsumieren, aber kein wirkliches Wissen aufnehmen. Der Vergleich mit Fast Food liegt nahe. Nahrung ohne Ende, aber die wichtigen Nährstoffe werden durch Fett und Zucker überlagert.
Erkenntnis braucht Widerstand: Die Kraft des analogen Moments
Dass ihr den folgenden Text auf einem digitalen Medium lest, ist sehr wahrscheinlich. Dennoch möchte ich ein Plädoyer für das analoge Medium halten.
Ein Buch hat Gewicht, einen Geruch und Seiten, die man physisch umblättern muss. Ach wenn der Widerstand gering ist, er ist da. Und die wenigen Sekunden, die wir beim Umblättern innehalten müssen, können wir den gelesenen Text zusätzlich verarbeiten. Wir tauchen ganz kurz ins Meer ein und geben den Gedanken Raum.
Ähnlich verhält es sich mit dem Schreiben. Doris Dörrie schreibt in ihrem Buch „Leben, schreiben, atmen: Eine Einladung zum Schreiben“ davon, dass bei der Handschrift die Gedanken direkt aus dem Gehirn, über den Stift aufs Papier gelangen. Nebenbei besteht derselbe Effekt wie beim Umblättern. Die Hand ist langsamer als unser Gehirn, wodurch die Gedanken gefiltert werden. Wir schreiben nur das auf, was unsere Qualitätssicherung zulässt. Zusätzlich zwingt uns das Papier dazu, mit dem zur Verfügung stehenden Platz zu haushalten. Das Ende der Seite kommt immer näher, während wir digital unendlich weiterschreiben können.
Ataraxia im Informationssturm: Die Kunst, nicht zu reagieren
Der Begriff Ataraxia stammt aus dem Epikureismus und dem Skeptizismus. Später wurde er in abgewandelter Form auch von den Stoikern verwendet. Er beschreibt den Zustand der Seelenruhe oder Unerschütterlichkeit. Ganz im stoischen Gedanken handelt es sich nicht um Desinteresse, sondern um die Akzeptanz dessen, was wir nicht kontrollieren können.
Im Internet fühlen wir uns regelmäßig dazu verpflichtet, zu jedem Thema eine Meinung zu haben und diese am besten auch noch zu äußern. Wie wäre es stattdessen, wenn wir uns sagen „Dazu habe ich (noch) keine Meinung.“? Die bewusste Entscheidung sich einer direkten Reaktion zu verweigern. Oftmals reagieren wir auch, ohne zu wissen, ob diese Reaktion etwas bewirkt. Bei uns oder anderen Menschen? Hinterfragen wir regelmäßig unsere Entscheidungen werden wir schnell feststellen, dass nicht alles sinnvoll oder notwendig gewesen ist.
Marc Aurel wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Man kann sich nirgendwo ruhiger zurückziehen, als in die eigenen Seele.“ Ich bin der Meinung, dass uns dies nur noch sehr selten gelingt. Unser Alltag ist vollgestopft mit Reizen und dem eben beschriebenen Drang nach Reaktion. Wann haben wir das letzte Mal bewusst unser Smartphone zur Seite gelegt oder ausgeschaltet. Wenn wir diesen Raum der temporären Freiheit nicht bewusst schaffen, können wir ihn nie nutzen.
Während die Algorithmen uns permanent mit Empörung füttern möchten, weil Empörungen Klicks bringen, ist Ataraxia die bewusste Entscheidung für die Nüchternheit. Man sieht die Flut an Informationen, die auf einen zukommt oder sich um einen herum bewegt, lässt sie aber nicht die Grenze unseres eigenen Geistes passieren. Das kann durchaus eine schöne Erfahrung sein. Wer stand nicht schon am Strand und schaute minutenlang still aufs Meer hinaus?
Wer ständig auf alles reagiert, was in seiner Umwelt passiert, wird zu einem Getriebenen. Wir entscheiden nicht mehr selbst, sondern sind fremdbestimmt. Wenn wir bewusst entscheiden, welche Informationen wir verarbeiten möchten, gewinnen wir die Kontrolle über unseren Geist zurück und damit auch die Würde als denkendes Wesen. Ist es das nicht wert?
Das Radikale Stehenbleiben: Ein Plädoyer für die Kontemplation
Kontemplation. Schon wieder ein Fremdwort. Dabei geht es dabei um Klarheit und Verweilen im Moment. Also alles andere als etwas Kompliziertes. Wie in der eben beschriebenen Situation, wenn wir am Strand stehen und den Wellen zuschauen, können wir in vielen anderen Situationen die bewusste Entscheidung zur Ruhe treffe. Wir verweilen in einem Gedanken, ohne ihn zu tief zu analysieren. Wir wollen ein Problem nicht lösen, sondern die Wahrheit betrachten.
Nachdem wir jahrelang im Hamsterrad gefangen waren, ist es nicht einfach sich zu entschleunigen. Ein guter Anfang wäre es, sich jeden Tag 30 Minuten Zeit zu nehmen. Man zieht sich ohne Smartphone, ohne Musik und ohne Störungen von außen zurück und ist nur im Moment. Vielleicht schreibt man die Gedanken in sein Notizbuch, die einem während dieser Phase der inneren Ruhe in den Sinn kommen. Die Zeit darf aber auch vollkommen ereignislos verstreichen. Danach begeben wir uns wieder zurück in den Alltag.
